NACHRUF MICHEL HAGNER ( FAZ )

Die Seele Freuds – Zum Tod der Historikerin Lydia Marinelli

Wer in den letzten Jahren das Freud-Museum in der Wiener Berggasse besuchte, dem bot sich die Gelegenheit, neben der etwas angestaubten Dauerausstellung eine der wunderbaren kleinen temporären Ausstellungen zu sehen, die stets eine überraschende Perspektive auf
Freuds Leben und Arbeiten gestatteten. Erfunden hatte diese Ausstellungen die Kuratorin Lydia Marinelli, die als promovierte Historikerin früh sah, dass es jenseits von unbedingter Verehrung oder Verachtung Freuds andere Wege geben musste, sich dem Schöpfer der Psychoanalyse und seinem Werk anzunähern.

So war es ein ironisch-verspielter Parcours, den der Zuschauer vor zwei Jahren, zum 150. Geburtstag Freuds, in der Ausstellung über “Die Couch. Vom Denken im Liegen” durchschritt. Daneben lud die Kuratorin auch Künstler wie Louise Bourgeois oder Joseph Kosuth ein, die ehemalige koschere Metzgerei Kornmehl in Freuds ehemaligem Wohnhaus mit einer Kunstinstallation zu bespielen.

Vorher schon hatte Lydia Marinelli “meine alten dreckigen Götter”, Freuds große Antiken-Sammlung, für einige Monate zurück in die Berggasse gezaubert und Freud als Sammler kenntlich gemacht. 2003 war sie in einer spektakulären Ausstellung den Spuren von “Freuds verschwundenen Nachbarn” nachgegangen, also jenen zumeist jüdischen Bewohnern der Berggasse, die 1938 aus ihren Wohnungen vertrieben worden waren. Atemberaubend war, dass diese Schicksale ausschließlich durch Dokumente von Wiener Behörden dargestellt wurden. Je länger man las, desto beklemmender erschien jede einzelne Biographie. Und wo kaum Dokumente vorhanden waren, konnte man sich denken, dass die Behörden nach 1945 auch darin begabt waren, prekäre Akten vernichten zu lassen. Eine gewagte Rauminstallation, bei der Inhalt und Form eins wurden, führte vor Augen, dass sich die ansonsten gefürchtete Flachware sehr wohl anziehend präsentieren lässt, wenn nur wissenschaftliche und ästhetische
Fantasie zusammenkommen.

Lydia Marinellis Ausstellungen waren genuine geisteswissenschaftliche Forschungsarbeiten, die nicht zuletzt aus einer Skepsis gegenüber reiner ideenhistorischer Ziselierarbeit entstanden und die Bedeutung der Dingwelten exemplarisch vorführten. Und so verfuhr sie auch in ihren
wissenschaftlichen Texten. Sie verband dabei eine stupende historische und philologische Kenntnis Freuds mit einem theoretischen Einfallsreichtum (sie übersetzte Slavoj Zizek zu einem Zeitpunkt, als man in Deutschland nicht einmal seinen Namen buchstabieren konnte), der neue Einsichten in den Zusammenhang von psychoanalytischer Theorieentwicklung und materieller Kultur erlaubte. Ihre gemeinsam mit Andreas Mayer verfasste Monographie über “Träume nach Freud” zeigt minutiös, wie sehr die unterschiedlichen Auflagen der “Traumdeutung” das Resultat der Lektüren und Einwände von Kollegen und nicht zuletzt von Patienten waren, die mit dem Buch unter dem Arm in die Praxis kamen und ihren Therapeuten so zur Überprüfung und Revision seiner Thesen anhielten.

Nachdem das Freud-Museum vor einigen Jahren in die “Sigmund Freud Privatstiftung” umgewandelt wurde, bestand trotz schwieriger Bedingungen die Aussicht, die etwas unbewegliche Institution in einen lebendigen Ort der Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse und ihrer Geschichte zu verwandeln. Lydia Marinelli, die als wissenschaftliche Leiterin und Kuratorin tatsächlich Hirn und Seele des Freud-Museums war, hätte dafür
entscheidende Impulse geben können. Doch dazu wird es nun nicht mehr kommen. Ihr Tod Anfang dieser Woche im Alter von nur dreiundvierzig Jahren beraubt uns einer der originellsten Geisteswissenschaftlerinnen ihrer Generation.

( Michael Hagner , FAZ print , 11. 9. 2008 )

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